Ganz heiß

(ZEIT-Magazin, 26.9.1997)

Mit dem Landrover quer durch Libyen - Wüstencamp und Sandsturm inklusive

Von Jörg Albrecht und Rudolf Hoffmann (Photos)

Der Weg zur Weisheit, sagt das Sprichwort, führt durch die Wüste. Ob Sahara-Touren bei Europäern deshalb so beliebt sind? Grenzschikanen, Hitze und Sandstürme nehmen sie in Kauf, um einmal in der Wüste zu lagern, im Sand unter dem Sternenhimmel zu schlafen und Oasenseen zu erleben, deren Wasser so versalzen ist, daß es als giftig gilt. Den Tuareg jedenfalls freut's. Er lebt gut von den Touristen. Früher hat er Karawanen geführt, heute lenkt er Landrover. Wo ist da der Unterschied?

Al jamahiriya al arabiya al libiya ash shabiya al ishtirakiya heißt das Land mit vollem Namen. Beziehungsweise Libyen. Ein Name, bei dem man hören kann, "wie die Zunge im Mund herumgeht" (Michael Ondaatje). Kein Reiseziel eigentlich. Aber Libyen verspricht Wüste satt. Und eine etwas mühsame Anreise.
Man küßt seinen Paß, wenn man die tunesisch-libysche Grenze passiert hat. Andererseits: War Zeit je ein Problem in der Wüste? Was bedeuten Entfernungen? Bis Tripolis sind es vier Stunden, Sebha liegt zehn Stunden weiter südlich und Germa drei Stunden von Sebha. Hin und wieder eine Tankstelle. Oder ein Umspannwerk. Oder ein Depot für irgendwas. Flaschen, Autoreifen, Ölkanister. Und Plastiktüten. Das ist es im wesentlichen auf der Fahrt in den Süden. Gelegentlich grüßt Oberst Ghaddafi von einem verblichenen Plakat, als erster Ingenieur seines Volkes, kühner Mittler zwischen Kaaba und Düsenjet.
Von Germa, der Hauptstadt der Garamanten, die den Römern das Leben schwermachten, ist die Burg geblieben. Italiener gruben sie aus. Wie verlassene Termitenhaufen stehen die Überreste da. Lehm bröselt im Wind, bald wird sich das zurückverwandeln in den Staub der Sahara, "denn jene Städte, die einst groß waren, müssen klein geworden sein ..." (Herodot).
Sahara heißt auf arabisch soviel wie rötlichgelb, und so sieht die Sahara auf Postkarten aus: Dünen im Abendlicht. In Wahrheit deckt Sand nur ein Fünftel der Sahara, nur ein Zehntel ist malerische Dünenlandschaft, der Rest Schotter oder Geröll oder Fels, eine Ödnis, die an Eintönigkeit kaum zu übertreffen ist. Aber südlich von Germa findet man sie dann tatsächlich, die Bilderbuchwüste, aus der Allah, der Gerechte, angeblich alles Störende vertrieben hat, damit es einen Ort gebe, wo man in Frieden nachdenken kann. Aus dieser Sorte Wüste, heißt es, seine Propheten und Poeten gekommen, Krieger und Verrückte. Ganz zu schweigen von Oberst Ghaddafi, der nicht nur die dritte Universaltheorie erfunden hat, sondern auch als Verfasser eines Bandes von Erzählungen mit dem schönen Titel "Das Dorf, das Dorf, die Erde, die Erde und der Selbstmord des Astronauten" hervorgetreten ist.
Nichts ist unmöglich in der Wüste. Beshir vom Stamme der Kel-Ajer flickt den Hinterreifen. Dann gibt er Vollgas, quält den Toyota den ersten Kamm hoch, würgt den Motor ab und klappt die Motorhaube hoch. So machen das die Tuareg seit tausend Jahren. Anschließend hockt man sich in den Sand und wartet, bis der Kühler nicht mehr kocht. Unmittelbar breitet sich Frieden aus. Dünen, soweit das Auge reicht. Sanfte Konturen. Bahr bela ma, Meer ohne Wasser. Je nachdem, wie der Wind ihn zusammenbläst, ist der Sand weich wie Tiefschnee oder hart wie ein Brett. Auf den harten Stellen kommt man mit dem Geländewagen voran, auf den weichen nicht, das ist das Geheimnis. "Geb's Gott!" sagt Beshir, natürlich auf arabisch, und nimmt die nächste Düne in Angriff.
Nachts steht der Mond sehr groß am Wüstenhimmel. Am Morgen Spuren von einer Springmaus, wie Regentropfen im Sand oder vielleicht wie Tränen.
Herodot war nie in Libyen. Trotzdem wußte er allerhand zu berichten. Von jenem verbotenen Wind, dessen Name ein für allemal getilgt wurde, weil der Sohn eines Königs darin umkam. Oder von jenem bösen Wind, der ein Volk so sehr erzürnte, daß es ihm den Krieg erklärte, in geschlossener Schlachtordnung hinausmarschierte, nur, um unter Sandmassen zu ersticken. Wovon Herodot nie geschrieben hat, war jener unwürdige Wind, der kurz nach Sonnenaufgang bläst und das Toilettenpapier fortweht, ehe man es in Brand gesteckt hat.
Weiter durch den Sand. Bis zur nächsten Konservendosenansammlung. Kanister, Glasscherben, Fliegenschwärme. Die Siedlung Garbaroun, seit sieben Jahren verlassen. Der Stamm der Douadas hat hier gewohnt, die Wurmfresser, die den Wurm Dud, eigentlich einen Salinenkrebs, aus dem nahen Salzsee fischten und zu Paste verarbeiteten. Im Zuge der libyschen Wohlfahrt hat man sie umgesiedelt. Jetzt leben sie da, wo es Süßwasser gibt und Strom und eine Schule; Garbaroun ist ein Geisterdorf.
Am Rande von Garbaroun sitzen sechs Holländer unter einem Palmendach und studieren den Telegraaf. Die Wüste lebt. Daß immer mehr Touristen nach Libyen kommen, trotz aller Beschwernisse, liegt daran, daß die angrenzenden Saharastaaten Algerien und Tschad unsicher geworden sind. Im Gebiet der Salzseen bei Ubari sind dagegen von Oktober bis März Dutzende von Expeditionen unterwegs. Den Tuareg ist es recht. Jedesmal große Wiedersehensfreude, wenn einer den anderen trifft: Wie geht's, alles klar, was macht der Onkel? Dazwischen Touristen, blaß, in Shorts und T-Shirts, schmallippig und stets mißtrauisch, ob man den Söhnen der Wüste auch trauen kann. Geht's jetzt vielleicht bald mal weiter? Andere wagen sich im eigenen Geländewagen auf den großen Trip; man erkennt sie daran, daß sie ein Global Positioning System dabei haben. Der Libyer, obwohl nicht arm, hat das nicht. Seit dem US-Embargo sind sogar Ersatzteile knapp.
Nach Süden, immer weiter. Klackklackklack macht die Lenkung. Libysche Straßen gehen oft sehr lange schnurgeradeaus. Wie Michael Ondaatje schreibt: "In der Wüste führt die Nuance hundert Meilen weit." Hundert Meilen, dann drei Schilder: Achtung Kurve, Überholverbot, Tempo dreißig. Eine Brücke, und dann wieder hundert Meilen geradeaus. Die Straßenschilder sehen aus, als stammten sie aus Deutschland.
Streckenweise auch die libysche Landschaft: Abraumhalden, überzogen mit schwarzem Wüstenlack, einer Mischung aus Mangan- und Eisenoxid, entstanden durch Verwitterung. Sandstein erodiert im Wind, der wie ein Sandstrahlgebläse wirkt. Das formt bizarre Gebilde, es sind welche dabei, die jederzeit als Ambosse, Toilettenschüsseln oder Urinale dienen könnten. Dann türmen sich in der Ferne Steinschlösser auf. Gefährlich ragen die Idinen nördlich von Ghat in die Höhe. Heinrich Barth, der Afrikareisende, ging hier im Juli 1850 beinahe verloren. Es heult der Wind von den Idinen zu Tal, über Lebende und Tote, und die Frage ist, wer sich in der Nacht am meisten fürchtet, denn es ist nicht der Wind, der da heult, sondern ein Djenoun, ein Berggeist, der nichts Gutes im Schilde führt.
Beshir ist der Meinung, daß eine Ziege her muß. In Ghat wird sie gefunden, ein dürres Ding, Herbert genannt, daß zwischen den Füßen des Kochs heftig atmend kauert und aus bernsteinfarbenen Augen in eine Zukunft starrt, von der alle Ziegen zu Recht eine schlechte Meinung haben.
Hinter Ghat endet das zivilisierte Libyen, und es beginnt der Akakus. "Aufbruch ins Unbekannte!" notierte Heinrich Barth seinerzeit. Ein kurzes Gebet nach der letzten Polizeikontrolle, und wir folgen den Spuren des großen Forschers. Zirka vierhundert Meter weit. Dann meldet sich das rechte Hinterrad mit einem Schaden. "Problem", meint Beshir und steigt aus. Die Federblattaufhängung der Hinterachse ist gebrochen. Er zurrt die Bescherung mit einem Seil zusammen und macht sich davon. Der zweite Wagen ist samt Ziege längst hinter einer Staubwolke verschwunden - die Besatzung, scheint's, im Blutrausch.
Am Rand der Piste bleiben elf Benzinkanister zurück. Nicht das Gepäck des Fahrers Beshir, wie jemand bemerkt, das hat er mitgenommen. Zeit verstreicht, Hunger wächst. "Es ist in der Tat auffallend", so der weitaus erfahrenere Heinrich Barth, "daß der Europäer wenigstens in diesen Gegenden ganz ausschließlich nur von dem lebt, was er augenblicklich zu sich nimmt." In stockfinsterer Nacht, kurz bevor die Verzweiflung zu siegen droht, taucht der Küchenwagen wieder auf. Im selben Moment Beshir mit geschweißter Blattfeder. Rätselhaftes Afrika.
Ein unschuldiger Tag bricht an. Barfuß im ersten Morgenlicht, seltsam sorgenlos, der dicke Sidhi Ahmed rollt wie ein Kind im Sand, die Landschaft wie geträumt, Felsen und Akazien, die sich in Feuerholz verwandeln, sobald der Tuareg ihnen zu Leibe rückt. Die verschiedenen Stämme der Tuareg benutzen dazu von alters her Hammer und Spitzhacke. Wenn morsches Akazienholz brennt, rennen Käfer und Würmer um ihr Leben. Abendsonne färbt den Sandstein, Felsdome leuchten, Buddhas, Krieger, geklonte Gestalten, Kathedralen, grob behauen und in die Gegend geschmissen, daß sie herumliegen wie vergessenes Riesenspielzeug; angesichts der Methode, mit der das hergestellt wurde, eine grandiose Bildhauerei, aber eine ebenso grandiose Verschwendung.
Herbert hat nichts mehr davon. Sein Kopf liegt neben dem Zelt. Seine Augen haben gesehen, was es im Leben zu sehen gab. Ein Topf mit Darmgeschlinge kocht neben dem Teewasser. Leber, umwickelt mit Magenfett, wird geröstet, die Haxe schmeckt nach Bock und liegt schwer.
Nachts ist es in der Wüste noch stiller als am Tag, und am Tag herrscht auch nicht gerade Lärm. Wenn ein Vogel ruft, vielleicht der Mula-mula, den Pedanten Weißbürzelsteinschmätzer nennen, ist das eine Sensation. Sonst geht nur der Wind, der heiße Atem der Wüste. Später legt sich auch der. Wenn man nachts ruckartig hochschreckt, ist es einen Moment lang wie in der Unendlichkeit.
Das Akakusgebirge ist keine Landschaft, eher eine Ahnung. Davon, daß es einmal anders zuging, als die Welt neu war und alles ausprobiert werden mußte: die Jagd, die Beschwörung und was es sonst noch so gibt. Man weiß das deshalb so genau, weil an jeder Ecke des Akakus Felszeichnungen davon künden. Zeichnungen aus der Rundkopfperiode, aus der Rinderperiode, aus der Pferdeperiode, aus der Kamelperiode, auch bereits welche aus der Toyotaperiode. Die Vorstellung, daß Menschen vor zehntausend Jahren damit angefangen haben, im Fels herumzuritzen, und daß man das bis heute vor sich hat, wie die Farbe damals gerieben wurde, hier, die Antilope, die ist aber mal gut getroffen...
Über Sinn und Zweck dieser Malerei weiß die Forschung nichts Abschließendes - irgendeine Form des Zaubers höchstwahrscheinlich. Es waren immer dieselben Stellen, an die es die unbekannten Künstler zog. Die Tierszenen beweisen, daß die Sahara einst fruchtbarer war als heute. Seitdem ist es trockener geworden. Die Wüste ernährt niemanden mehr, außer einer Handvoll Nomaden. Sie wohnen tatsächlich in Grashütten und gehen auf die Jagd wie ihre Vorfahren  vor Tausenden von Jahren. Der Nomadenchef vom Akakus ist, letztlich typisch, nicht zu Hause. Sein Sohn bringt das Gästebuch. Lob über Landschaft und Felsmalerei. Es gibt nicht viel auszusetzen am Akakus.
Die meisten reisen, um wieder nach Hause zu kommen. Dabei, sagt ein Sprichwort, führt der Weg zur Macht durch Paläste, der zum Reichtum durch Basare, aber der Weg zur Weisheit zwangsläufig durch die Wüste. Alles Kappes, wie der Rheinländer sagen würde. Der Weg durch die Wüste führt allenfalls wieder heraus. Man braucht kein Barometer, um zu erkennen, wenn ein Sandsturm naht. Die menschliche Laune fällt genauso schnell. Sidhi Ahmed ist speiübel, er wimmert. Der Rest schleppt sein Gepäck hin und her, als wenn in der Sahara nicht genug Platz wäre, und dann ist es auch schon ganz egal, weil inzwischen eine Menge Sand heranpeitscht, weshalb der Wüstenunerfahrene sich besser ins Zelt verzieht und der Tuareg in den Toyota. Er weiß, warum, denn ein Zelt weht schnell mal weg. Sandstaub dringt, wie jedermann weiß, binnen kurzem in Nase, Mund und Augen.
Saharasturm ist wie dicker Nebel. Im Nebel meldet Beshir: "Problem!" Wasser sprüht in hundert winzigen Fontänen aus dem Kühler. Bei den libyschen Tuareg wird ein Kühler jeweils vom Vater auf den ältesten Sohn vererbt, seit den Tagen Herodots, von dem auch das Rezept überliefert ist, ihn abzudichten: von außen mit Feinseife, von innen mit Paprikapulver.
Es gibt andere Methoden, sich im Sandsturm die Zeit zu vertreiben. Zum Beispiel rauchen, was allgemein nicht gern gesehen wird. In diesem Fall die Zigarette aus dem Wagenfenster werfen! Doch die Wüste gibt dir alles - und im Ernstfall auch zurück. Brennendes Ziegenfell riecht nicht gut. Wie ein explodierender Toyota riecht, beladen mit Akazienholz und elf Kanistern Benzin, ist eine Frage, über die selbst Michael Ondaatje geschwiegen hat.
Wüste hin, Wüste her, die großen Fragen bleiben sowieso unbeantwortet. Wenn die Zeit dafür reif ist, geht es zu Ende. Heinrich Barth kam, nach fünf Jahren und fünfzehntausend Kilometern, mit siebentausend Seiten Tagebuch im Gepäck zurück. Als die Zivilisation ihn wiederhatte, war es um seine Fassung geschehen: "So ritt ich dahin, bis in das Innerste meiner Seele erschüttert."
Die paar Jahre, die er anschließend noch zu leben hatte, verbrachte er daheim mit kleinlichem Gezänk.



Seit die UNO 1992 ein Luftembargo verhängt hat, ist Libyen nur noch auf dem Land- oder Seeweg zu erreichen. Der Hamburger Veranstalter TTH (Nagelshof 24, 22559 Hamburg, Tel. 040-811863) etwa bietet eine vierzehntägige "Libyen-Entdeckerreise" mit Anreise via Djerba/Tunesien, Fahrt in Geländefahrzeugen und Übernachtungen in Wüstencamps zu einem Preis von 3670 Mark (ab/bis Hamburg, zzgl. evtl. Saisozuschläge). Dachzeltbusreisen durch Libyen bietet Daltus-Reisen an.