Der Weg zur Weisheit, sagt das Sprichwort, führt durch die Wüste. Ob Sahara-Touren bei Europäern deshalb so beliebt sind? Grenzschikanen, Hitze und Sandstürme nehmen sie in Kauf, um einmal in der Wüste zu lagern, im Sand unter dem Sternenhimmel zu schlafen und Oasenseen zu erleben, deren Wasser so versalzen ist, daß es als giftig gilt. Den Tuareg jedenfalls freut's. Er lebt gut von den Touristen. Früher hat er Karawanen geführt, heute lenkt er Landrover. Wo ist da der Unterschied?
Al jamahiriya al arabiya al libiya ash shabiya al ishtirakiya
heißt das Land mit vollem Namen. Beziehungsweise Libyen. Ein Name,
bei dem man hören kann, "wie die Zunge im Mund herumgeht" (Michael
Ondaatje). Kein Reiseziel eigentlich. Aber Libyen verspricht Wüste
satt. Und eine etwas mühsame Anreise.
Man küßt seinen Paß, wenn man die tunesisch-libysche
Grenze passiert hat. Andererseits: War Zeit je ein Problem in der Wüste?
Was bedeuten Entfernungen? Bis Tripolis sind es vier Stunden, Sebha liegt
zehn Stunden weiter südlich und Germa drei Stunden von Sebha. Hin
und wieder eine Tankstelle. Oder ein Umspannwerk. Oder ein Depot für
irgendwas. Flaschen, Autoreifen, Ölkanister. Und Plastiktüten.
Das ist es im wesentlichen auf der Fahrt in den Süden. Gelegentlich
grüßt Oberst Ghaddafi von einem verblichenen Plakat, als erster
Ingenieur seines Volkes, kühner Mittler zwischen Kaaba und Düsenjet.
Von Germa, der Hauptstadt der Garamanten, die den Römern das Leben
schwermachten, ist die Burg geblieben. Italiener gruben sie aus. Wie verlassene
Termitenhaufen stehen die Überreste da. Lehm bröselt im Wind,
bald wird sich das zurückverwandeln in den Staub der Sahara, "denn
jene Städte, die einst groß waren, müssen klein geworden
sein ..." (Herodot).
Sahara heißt auf arabisch soviel wie rötlichgelb, und so
sieht die Sahara auf Postkarten aus: Dünen im Abendlicht. In Wahrheit
deckt Sand nur ein Fünftel der Sahara, nur ein Zehntel ist malerische
Dünenlandschaft, der Rest Schotter oder Geröll oder Fels, eine
Ödnis, die an Eintönigkeit kaum zu übertreffen ist. Aber
südlich von Germa findet man sie dann tatsächlich, die Bilderbuchwüste,
aus der Allah, der Gerechte, angeblich alles Störende vertrieben hat,
damit es einen Ort gebe, wo man in Frieden nachdenken kann. Aus dieser
Sorte Wüste, heißt es, seine Propheten und Poeten gekommen,
Krieger und Verrückte. Ganz zu schweigen von Oberst Ghaddafi, der
nicht nur die dritte Universaltheorie erfunden hat, sondern auch als Verfasser
eines Bandes von Erzählungen mit dem schönen Titel "Das Dorf,
das Dorf, die Erde, die Erde und der Selbstmord des Astronauten" hervorgetreten
ist.
Nichts ist unmöglich in der Wüste. Beshir vom Stamme der
Kel-Ajer flickt den Hinterreifen. Dann gibt er Vollgas, quält den
Toyota den ersten Kamm hoch, würgt den Motor ab und klappt die Motorhaube
hoch. So machen das die Tuareg seit tausend Jahren. Anschließend
hockt man sich in den Sand und wartet, bis der Kühler nicht mehr kocht.
Unmittelbar breitet sich Frieden aus. Dünen, soweit das Auge reicht.
Sanfte Konturen. Bahr bela ma, Meer ohne Wasser. Je nachdem, wie
der Wind ihn zusammenbläst, ist der Sand weich wie Tiefschnee oder
hart wie ein Brett. Auf den harten Stellen kommt man mit dem Geländewagen
voran, auf den weichen nicht, das ist das Geheimnis. "Geb's Gott!" sagt
Beshir, natürlich auf arabisch, und nimmt die nächste Düne
in Angriff.
Nachts steht der Mond sehr groß am Wüstenhimmel. Am Morgen
Spuren von einer Springmaus, wie Regentropfen im Sand oder vielleicht wie
Tränen.
Herodot war nie in Libyen. Trotzdem wußte er allerhand zu berichten.
Von jenem verbotenen Wind, dessen Name ein für allemal getilgt wurde,
weil der Sohn eines Königs darin umkam. Oder von jenem bösen
Wind, der ein Volk so sehr erzürnte, daß es ihm den Krieg erklärte,
in geschlossener Schlachtordnung hinausmarschierte, nur, um unter Sandmassen
zu ersticken. Wovon Herodot nie geschrieben hat, war jener unwürdige
Wind, der kurz nach Sonnenaufgang bläst und das Toilettenpapier fortweht,
ehe man es in Brand gesteckt hat.
Weiter durch den Sand. Bis zur nächsten Konservendosenansammlung.
Kanister, Glasscherben, Fliegenschwärme. Die Siedlung Garbaroun, seit
sieben Jahren verlassen. Der Stamm der Douadas hat hier gewohnt, die Wurmfresser,
die den Wurm Dud, eigentlich einen Salinenkrebs, aus dem nahen Salzsee
fischten und zu Paste verarbeiteten. Im Zuge der libyschen Wohlfahrt hat
man sie umgesiedelt. Jetzt leben sie da, wo es Süßwasser gibt
und Strom und eine Schule; Garbaroun ist ein Geisterdorf.
Am Rande von Garbaroun sitzen sechs Holländer unter einem Palmendach
und studieren den Telegraaf. Die Wüste lebt. Daß immer
mehr Touristen nach Libyen kommen, trotz aller Beschwernisse, liegt daran,
daß die angrenzenden Saharastaaten Algerien und Tschad unsicher geworden
sind. Im Gebiet der Salzseen bei Ubari sind dagegen von Oktober bis März
Dutzende von Expeditionen unterwegs. Den Tuareg ist es recht. Jedesmal
große Wiedersehensfreude, wenn einer den anderen trifft: Wie geht's,
alles klar, was macht der Onkel? Dazwischen Touristen, blaß, in Shorts
und T-Shirts, schmallippig und stets mißtrauisch, ob man den Söhnen
der Wüste auch trauen kann. Geht's jetzt vielleicht bald mal weiter?
Andere wagen sich im eigenen Geländewagen auf den großen Trip;
man erkennt sie daran, daß sie ein Global Positioning System dabei
haben. Der Libyer, obwohl nicht arm, hat das nicht. Seit dem US-Embargo
sind sogar Ersatzteile knapp.
Nach Süden, immer weiter. Klackklackklack macht die Lenkung. Libysche
Straßen gehen oft sehr lange schnurgeradeaus. Wie Michael Ondaatje
schreibt: "In der Wüste führt die Nuance hundert Meilen weit."
Hundert Meilen, dann drei Schilder: Achtung Kurve, Überholverbot,
Tempo dreißig. Eine Brücke, und dann wieder hundert Meilen geradeaus.
Die Straßenschilder sehen aus, als stammten sie aus Deutschland.
Streckenweise auch die libysche Landschaft: Abraumhalden, überzogen
mit schwarzem Wüstenlack, einer Mischung aus Mangan- und Eisenoxid,
entstanden durch Verwitterung. Sandstein erodiert im Wind, der wie ein
Sandstrahlgebläse wirkt. Das formt bizarre Gebilde, es sind welche
dabei, die jederzeit als Ambosse, Toilettenschüsseln oder Urinale
dienen könnten. Dann türmen sich in der Ferne Steinschlösser
auf. Gefährlich ragen die Idinen nördlich von Ghat in die Höhe.
Heinrich Barth, der Afrikareisende, ging hier im Juli 1850 beinahe verloren.
Es heult der Wind von den Idinen zu Tal, über Lebende und Tote, und
die Frage ist, wer sich in der Nacht am meisten fürchtet, denn es
ist nicht der Wind, der da heult, sondern ein Djenoun, ein Berggeist, der
nichts Gutes im Schilde führt.
Beshir ist der Meinung, daß eine Ziege her muß. In Ghat
wird sie gefunden, ein dürres Ding, Herbert genannt, daß zwischen
den Füßen des Kochs heftig atmend kauert und aus bernsteinfarbenen
Augen in eine Zukunft starrt, von der alle Ziegen zu Recht eine schlechte
Meinung haben.
Hinter Ghat endet das zivilisierte Libyen, und es beginnt der Akakus.
"Aufbruch ins Unbekannte!" notierte Heinrich Barth seinerzeit. Ein kurzes
Gebet nach der letzten Polizeikontrolle, und wir folgen den Spuren des
großen Forschers. Zirka vierhundert Meter weit. Dann meldet sich
das rechte Hinterrad mit einem Schaden. "Problem", meint Beshir und steigt
aus. Die Federblattaufhängung der Hinterachse ist gebrochen. Er zurrt
die Bescherung mit einem Seil zusammen und macht sich davon. Der zweite
Wagen ist samt Ziege längst hinter einer Staubwolke verschwunden -
die Besatzung, scheint's, im Blutrausch.
Am Rand der Piste bleiben elf Benzinkanister zurück. Nicht das
Gepäck des Fahrers Beshir, wie jemand bemerkt, das hat er mitgenommen.
Zeit verstreicht, Hunger wächst. "Es ist in der Tat auffallend", so
der weitaus erfahrenere Heinrich Barth, "daß der Europäer wenigstens
in diesen Gegenden ganz ausschließlich nur von dem lebt, was er augenblicklich
zu sich nimmt." In stockfinsterer Nacht, kurz bevor die Verzweiflung zu
siegen droht, taucht der Küchenwagen wieder auf. Im selben Moment
Beshir mit geschweißter Blattfeder. Rätselhaftes Afrika.
Ein unschuldiger Tag bricht an. Barfuß im ersten Morgenlicht,
seltsam sorgenlos, der dicke Sidhi Ahmed rollt wie ein Kind im Sand, die
Landschaft wie geträumt, Felsen und Akazien, die sich in Feuerholz
verwandeln, sobald der Tuareg ihnen zu Leibe rückt. Die verschiedenen
Stämme der Tuareg benutzen dazu von alters her Hammer und Spitzhacke.
Wenn morsches Akazienholz brennt, rennen Käfer und Würmer um
ihr Leben. Abendsonne färbt den Sandstein, Felsdome leuchten, Buddhas,
Krieger, geklonte Gestalten, Kathedralen, grob behauen und in die Gegend
geschmissen, daß sie herumliegen wie vergessenes Riesenspielzeug;
angesichts der Methode, mit der das hergestellt wurde, eine grandiose Bildhauerei,
aber eine ebenso grandiose Verschwendung.
Herbert hat nichts mehr davon. Sein Kopf liegt neben dem Zelt. Seine
Augen haben gesehen, was es im Leben zu sehen gab. Ein Topf mit Darmgeschlinge
kocht neben dem Teewasser. Leber, umwickelt mit Magenfett, wird geröstet,
die Haxe schmeckt nach Bock und liegt schwer.
Nachts ist es in der Wüste noch stiller als am Tag, und am Tag
herrscht auch nicht gerade Lärm. Wenn ein Vogel ruft, vielleicht der
Mula-mula, den Pedanten Weißbürzelsteinschmätzer nennen,
ist das eine Sensation. Sonst geht nur der Wind, der heiße Atem der
Wüste. Später legt sich auch der. Wenn man nachts ruckartig hochschreckt,
ist es einen Moment lang wie in der Unendlichkeit.
Das Akakusgebirge ist keine Landschaft, eher eine Ahnung. Davon, daß
es einmal anders zuging, als die Welt neu war und alles ausprobiert werden
mußte: die Jagd, die Beschwörung und was es sonst noch so gibt.
Man weiß das deshalb so genau, weil an jeder Ecke des Akakus Felszeichnungen
davon künden. Zeichnungen aus der Rundkopfperiode, aus der Rinderperiode,
aus der Pferdeperiode, aus der Kamelperiode, auch bereits welche aus der
Toyotaperiode. Die Vorstellung, daß Menschen vor zehntausend Jahren
damit angefangen haben, im Fels herumzuritzen, und daß man das bis
heute vor sich hat, wie die Farbe damals gerieben wurde, hier, die Antilope,
die ist aber mal gut getroffen...
Über Sinn und Zweck dieser Malerei weiß die Forschung nichts
Abschließendes - irgendeine Form des Zaubers höchstwahrscheinlich.
Es waren immer dieselben Stellen, an die es die unbekannten Künstler
zog. Die Tierszenen beweisen, daß die Sahara einst fruchtbarer war
als heute. Seitdem ist es trockener geworden. Die Wüste ernährt
niemanden mehr, außer einer Handvoll Nomaden. Sie wohnen tatsächlich
in Grashütten und gehen auf die Jagd wie ihre Vorfahren vor
Tausenden von Jahren. Der Nomadenchef vom Akakus ist, letztlich typisch,
nicht zu Hause. Sein Sohn bringt das Gästebuch. Lob über Landschaft
und Felsmalerei. Es gibt nicht viel auszusetzen am Akakus.
Die meisten reisen, um wieder nach Hause zu kommen. Dabei, sagt ein
Sprichwort, führt der Weg zur Macht durch Paläste, der zum Reichtum
durch Basare, aber der Weg zur Weisheit zwangsläufig durch die Wüste.
Alles Kappes, wie der Rheinländer sagen würde. Der Weg durch
die Wüste führt allenfalls wieder heraus. Man braucht kein Barometer,
um zu erkennen, wenn ein Sandsturm naht. Die menschliche Laune fällt
genauso schnell. Sidhi Ahmed ist speiübel, er wimmert. Der Rest schleppt
sein Gepäck hin und her, als wenn in der Sahara nicht genug Platz
wäre, und dann ist es auch schon ganz egal, weil inzwischen eine Menge
Sand heranpeitscht, weshalb der Wüstenunerfahrene sich besser ins
Zelt verzieht und der Tuareg in den Toyota. Er weiß, warum, denn
ein Zelt weht schnell mal weg. Sandstaub dringt, wie jedermann weiß,
binnen kurzem in Nase, Mund und Augen.
Saharasturm ist wie dicker Nebel. Im Nebel meldet Beshir: "Problem!"
Wasser sprüht in hundert winzigen Fontänen aus dem Kühler.
Bei den libyschen Tuareg wird ein Kühler jeweils vom Vater auf den
ältesten Sohn vererbt, seit den Tagen Herodots, von dem auch das Rezept
überliefert ist, ihn abzudichten: von außen mit Feinseife, von
innen mit Paprikapulver.
Es gibt andere Methoden, sich im Sandsturm die Zeit zu vertreiben.
Zum Beispiel rauchen, was allgemein nicht gern gesehen wird. In diesem
Fall die Zigarette aus dem Wagenfenster werfen! Doch die Wüste gibt
dir alles - und im Ernstfall auch zurück. Brennendes Ziegenfell riecht
nicht gut. Wie ein explodierender Toyota riecht, beladen mit Akazienholz
und elf Kanistern Benzin, ist eine Frage, über die selbst Michael
Ondaatje geschwiegen hat.
Wüste hin, Wüste her, die großen Fragen bleiben sowieso
unbeantwortet. Wenn die Zeit dafür reif ist, geht es zu Ende. Heinrich
Barth kam, nach fünf Jahren und fünfzehntausend Kilometern, mit
siebentausend Seiten Tagebuch im Gepäck zurück. Als die Zivilisation
ihn wiederhatte, war es um seine Fassung geschehen: "So ritt ich dahin,
bis in das Innerste meiner Seele erschüttert."
Die paar Jahre, die er anschließend noch zu leben hatte, verbrachte
er daheim mit kleinlichem Gezänk.